Mittwoch, 13. Dezember 1995

Winterzauber in Kanada



Die ist ein kleiner Reisebericht den ich über eine Kanadareise verfaßt habe. 1995 besuchte ich dort meine Eltern. Aber lest einfach selbst:




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In Kanadas Norden ist es kalt. Sehr kalt sogar. -40 Grad sind keine Seltenheit. Die Winter sind um einiges länger, als man es in Mitteleuropa gewohnt ist. Hardcore-Winter sozusagen. Aus einem mir leider noch unverständlichen Grund sind meine Eltern vor ca. fünfzehn Jahren nach Kanada in die Provinz Ontario gezogen. Natürlich nicht zu den großen Seen, wo noch die gemäßigte Klimazone herrscht, sondern hoch in den kalten Norden. Da ich sie bereits im ersten Jahr sehr vermisste, entschlossen sich mein Mann und ich, dass wir sie über Weihnachten und Sylvester besuchen würden. Es war unser erster Aufenthalt in Kanada.



Bereits der Hinflug erwies sich als kleines Abenteuer. Von Düsseldorf ging es über Amsterdam mit einem kleinen Zwischenaufenthalt in Halifax nach Toronto. Die normale Flugdauer Düsseldorf-Toronto beträgt ca. acht Stunden. Wir saßen fast 16 Stunden im Flieger. Dafür war es billig. Der Flughafen Toronto stellte sich als weitläufig und damit auch sehr unübersichtlich heraus. Wir irrten übermüdet wie die verlorenen Schafe auf dem riesigen Gelände umher. Vergeblich suchten wir nach dem Abflugterminal für unseren Weiterflug. Als wir langsam verzweifelten, sprach uns ein freundlicher Flughafenangestellter an. Er bugsierte uns in sein Golfwägelchen, um uns mit anderen verwirrten Passagieren zum Inlandsterminal zu kutschieren.



Als ich vor der kleinen zwei motorigen Maschine stand, die uns weiter nach Timmins fliegen sollte, musste ich ersteinmal heftig schlucken. Mit so einem Winzling war ich zuvor noch nie geflogen. Trotzdem stellte sich die Weiterreise als sehr angenehm dar. Bis auf einen kleinen Moment der, sagen wir mal, Unsicherheit. Ich schaute aus dem Fenster und bemerkte ein Gewässer unter mir. Wahrscheinlich die Großen Seen. Neugierig zupfte ich der nebenstehende Stewardess am Ärmel und fragte sie danach. Sie beugte sich über mir, um aus dem Fenster zu schauen. "Nein", antwortete sie, "ich glaube nicht, dass dies die großen Seen sind. Das müsste die Hudson-Bay sein." "Hudson-Bay? Wie hoch im Norden, grenzt an den West Territories, Hudson-Bay?" Die Stewardess nickte nur freundlich, bevor sie sich einem anderen Passagier zuwendete. Panik machte sich in mir breit. Wir saßen im falschen Flugzeug. So weit im Norden wohnten meine verrückten Eltern auch wieder nicht. Nur wie haben wir in dieser kurzen Zeit die doch beachtliche Strecke bis zur Hudson Bay geschafft? Schließlich war die kleine Maschine nicht die Concorde. Irgendetwas stimmte nicht. Ich zupfte wieder die Stewardess am Ärmel. Mittlerweile schien sie schon ein wenig genervt. Trotzdem versicherte sie mir, den Piloten zu fragen. Ich rutschte nervös auf meinem Sitz herum. Mittlerweile waren wir bereits über zwanzig Stunden unterwegs und ich freute mich auf ein kuscheliges Bett. Nicht auf einen kleinen Umweg über die Antarktis. Mein Mann bekam von alledem gar nichts mit, er schlief den Schlaf der Gerechten. Wie ich ihn beneidete. Nach zehn Minuten kam die Stewardess zurück. Es handelte sich um ein Missverständnis, wir flogen gerade über den Lake Huron.



Wie vermutet war der Unterschied Kanada zu Deutschland riesig. Obwohl wir uns auf die Kälte vorbereitet hatten, froren uns als erstes im Auto die Zehen ein. Egal ob die Heizung auf volle Kanne pustete und wir in dicke Daunenjacken gehüllt waren, wir wurden einfach nicht warm. In unserem Auto befand sich zu unserer Verwunderung ein Survival Kit , bestehend aus Decken, Kerzen (halten die Temperatur des Wagens auf konstant 0 Grad) und Schokoriegel. Später lernten wir, dass in diesem menschenleeren Land die kleinste Panne am PKW im Winter tödlich enden kann.



Trotz all dieser Widrigkeiten wurden wir durch den Anblick der Landschaft entschädigt. Statt deutsches Schmuddelwetter tauchten wir in eine bezaubernde Winterwelt ein. Die Urlaubstage vergingen schnell.



Nach einem wunderschönen Weihnachtsfest nahte Sylvester. Da meine Eltern noch keine nahen Bekanntschaften geschlossen hatten, war für uns klar, den Jahreswechsel nur zu viert zu verbringen.



Der Silvestermorgen war mit -30 Grad trotz Sonnenschein ungewöhnlich kalt. Obwohl wir ziemlich bibberten mussten wir nach einem ausgiebigen Frühstück raus, um unsere täglichen Pflichten zu erledigen. Wenn man so hoch im Norden wohnt, wird man sich bald an das morgendliche Schneeschaufeln gewöhnen müssen. Selbst mit einer Schneefräse ist dies eine anstrengende Arbeit. Die Winterlandschaft verliert dadurch viel von ihrer Romantik und der Schnee wird schnell zum Feind. In Kanada wird es noch um einiges früher dunkel als in Deutschland zu dieser Jahreszeit. Um einen Hüttenkoller zu vermeiden, entschlossen wir uns um die Mittagszeit für einen kurzen Spaziergang zu einem naheliegenden Fluss. Normalerweise ist der Black River in ca. 45 Minuten Fußmarch zu erreichen, doch bei einer Schneehöhe von einem Meter und fehlenden Schneeschuhen dauert es länger. Schon nach einigen Metern waren wir durch die Anstrengung total verschwitzt. Die eisige Kälte erschwert das Gehen zusätzlich. Jeder Atemzug lies tausend Nadeln in der Lunge brennen. Mein Mann kehrte an diesem Tag bereits nach der Hälfte des Weges um.



Im kanadischen Norden verbergen sich viele Risiken, auf die man als verwöhnter Mittel-Europäer nicht eingestellt ist. Unter Schneeverwehungen können sich Bären im Winterschlaf aufhalten, die von einer Weckaktion natürlich gar nicht erfreut wären. (obwohl man mir mehrfach versicherte, dass die Tiere durch das Schlafen langsamer werden bzw. nach dem Aufwachen kein gutes Reaktionsvermögen haben.) Schön, dass man im Winter wenigstens die Stinktiere nicht zu Gesicht bekommt. Das sehr scheue Wild wie Wölfe oder Elche lies sich auch nicht blicken. Das einzige was uns an diesem Tag aus dem Tierreich begegnete war eine rotzfreche Biberfamilie, die uns den Weg versperrten und uns somit zu einem Umweg zwangen. Man mag es kaum glauben, aber diese possierlichen Tierchen können ganz schön bissig werden.Unsere Mühen wurden durch einen herrlichen Anblick belohnt. Der Black River, um einiges breiter als unser Rhein, war komplett zugefrorenen.



Mein Vater machte in der Hütte seines Freundes ein Feuer, so dass wir uns aufwärmen konnten. Gott sei Dank, kam kurze Zeit später auch mein Mann mit dem Skidoo meiner Eltern angefahren. Leider fehlte uns die entsprechende Schutzkleidung für den Motorschlitten. Die durch den Fahrtwind entstehende eisige Kälte zwang uns dazu nur Schrittgeschwindigkeit zu fahren. Man erzählte mir später, dass die Augenflüssigkeit beim Skidoofahren ohne speziellen Helm einfrieren kann. Noch gefährlicher ist der kalte Wind allerdings für die Lunge bzw. den Lungenbläschen.



Den Silvesterabend verbrachten wir ruhig mit meinen Eltern vorm Kamin und spielten Gesellschaftsspiele. Um Mitternacht gingen wir hinaus, so wie wir das von Deutschland gewöhnt waren. Doch natürlich sahen wir kein Feuerwerk, sondern einen beeindruckenden Nachthimmel, an dem es sternenklar glitzerte und das Nordlicht zu sehen war.



Was ich nie an dieser Reise vergessen werde, ist der erste Eindruck den ich von der überwältigenden Landschaft Kanadas bekommen habe. Da ich in einem Dorf lebe, bin ich durchaus an Natur gewöhnt.. Doch in Kanada schnürte mir diese große Weite, die riesigen Wälder und Seen regelrecht die Luft ab. Klein fühlte ich mich, empfand meine Person als unbedeutend. Verstärkt wurde dieses Gefühl auch dadurch, dass wir stundenlang auf Landstraßen unterwegs waren, ohne auch nur einer anderen Menschenseele begegnet zu sein. Der Rückflug nach Deutschland erwies sich auch als schwierig. An unserem Rückreisetag setzte ein Blizzard ein. Wir kamen noch zu dem kleinen Flughafen in Timmins, aber meine Eltern machten sich direkt auf den Weg zurück zur Farm, um nicht während der ca. einstündigen Fahrt in den Schneesturm zu geraten. Wir hatten Glück, trotz starker Schneefälle wurden wir bis Toronto geflogen. Doch da war ersteinmal Ende. Die großen Passagiermaschinen mussten enteist werden. Wir durften zwar einchecken, warteten dann aber einige Stunden im Flugzeug auf die Weiterreise. Dies war sehr unangenehm, da während der Prozedur die Klimaanlage ausgestellt werden musste und die Luft sehr stickig wurde. Obwohl weder mein Mann noch ich unter Flugangst leiden, bekamen wir sehr schnell Beklemmungsgefühle. Von daher waren wir erleichtert, als die Reise endlich weiter ging.



Leider haben wir seit unserem ersten Sylvester in Kanada keinen weiteren Winter dort verbracht.



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